Abklären und Helfen im Kindesschutz

Abklären und Helfen im Kindesschutz Die erste Qualitätswerkstatt in Zürich fand am 23. November 2017 statt und widmete sich dem Spannungsfeld von Abklären und Helfen im Kindesschutz. Wenngleich der Konsens gross war, blieben kontroverse Diskussionen nicht aus.

«Abklären und Helfen im Kindesschutz. Ein Widerspruch?» Unter diesem Titel wurde am 23. November 2017 in Kooperation mit dem Amt für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich die erste Qualitätswerkstatt in Zürich durchgeführt. Zu dieser kostenlosen Fachveranstaltung waren Fachpersonen eingeladen, die sich praxisbezogen, wissenschaftlich oder theoretisch mit Abklärungen von Kindeswohlfragen befassen.

Im Zentrum der Fachveranstaltung standen die Fragen, inwieweit Abklären und Helfen im Kindesschutz miteinander in Widerspruch stehen, wie Abklärungen helfend gestaltet werden können und wie mit den strukturellen Hürden und scheinbar divergierenden Handlungsanforderungen umgegangen werden kann.

Nach zwei anregenden und inspirierenden Kurzinputs, gehalten von Christoph Heck, dem Vizepräsident der KESB Winterthur-Andelfingen, und Stefan Schnurr, dem Leiter des Instituts Kinder- und Jugendhilfe, der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, diskutierten die anwesenden Fachleute engagiert und kontrovers über das Verhältnis von Abklären und Helfen, die darin angelegten Spannungsfelder und die Umgangsweisen mit ebendiesen.

Unter den Anwesenden bestand Konsens darüber, dass es sich bei Abklären und Helfen nicht um Widersprüche handelt, sondern um einander bedingende Handlungsnotwendigkeiten, die jedoch unterschiedlichen Logiken folgen: Abklärungen dienen dem Herstellen von Wissen darüber, ob bzw. inwieweit das Kindeswohl gefährdet ist und welche einvernehmlichen oder angeordneten Leistungen oder Massnahmen zur Sicherung des Kindeswohls erforderlich sind. Demgegenüber nimmt Hilfe Einfluss auf Zustände und Entwicklungen in Familien, die der Befähigung und Entlastung von Familienmitgliedern bzw. des Familiensystems dienen. Gleichwohl dieses Verständnis unter den Anwesenden geteilt wurde, kam es zu kontroversen Diskussionen zum Verhältnis von Abklären und Helfen.

Hilfe, die während einer Abklärung erbracht wird, schafft oftmals erst die Grundlage dafür, um eine Abklärung vornehmen zu können, auf die sich die Familie einlassen kann und die sie allenfalls sogar als gewinnbringend erlebt. Sie ermöglicht es oftmals auch, die Erfolgswahrscheinlichkeit bestimmter Hilfeleistungen einschätzen zu können. Gleichzeitig können sich gescheiterte Hilfeprozesse (z.B. fehlende Mitwirkung der Betroffenen, Hilfe fruchtet nicht) negativ auf die Empfehlungen im Abklärungsbericht auswirken, wodurch die Hilfe in ein Beweismittel transformiert und ad absurdum geführt wird. Ebenso können die Familien die Hilfe als Versprechen dafür missverstehen, dass auf Kindesschutzmassnahmen verzichtet werden wird.

Während ein geteiltes Verständnis des Begriffs «Abklärung vorzuliegen schien, schieden sich die Geister am Begriff «Hilfe». «Hilfe» wurde als definitionsbedürftiger Begriff sichtbar, dessen unterschiedliche Lesarten mit unterschiedlichen professionellen Haltungen und Handlungsimplikationen verbunden sind. So gilt es zu klären, was unter Hilfe verstanden wird, wer Hilfe leisten soll bzw. zu leisten hat, wo Hilfe beginnt, wo sie endet und wie geholfen werden soll und kann.

Dabei wurde das Interesse am Wohl der Kinder als gemeinsamer Ansatzpunkt der Fachpersonen und Eltern für eine helfende Beziehungsgestaltung verstanden. Die Anwesenden betonten in diesem Zusammenhang besonders die Notwendigkeit der bewussten Gestaltung der Verständigungsprozesse mit den Betroffenen. Sie legen Wert darauf, die Betroffenen und ihre «Sprache» verstehen zu lernen und sich in einer lebensweltnahen Sprache mit ihnen zu verständigen.

Es wurde deutlich, dass es sich bei Abklären und Helfen um sehr vielschichtige und zeitintensive Prozesse handelt, die in teilweise strukturell belasteten Kontexten erbracht werden müssen. Wenn eine Kindesschutzpraxis verfolgt wird, die Abklären und Helfen nicht als Widerspruch betrachtet, sondern als sich gegenseitig bedingende Handlungsnotwendigkeiten, dann müssen sie reflektiert aufeinander bezogen und gleichzeitig konsequent voneinander unterschieden werden. Die Trennung von Abklären und Helfen gilt es auf unterschiedlichen Ebenen zu realisieren. Sie ist unter den verschiedenen, an Kindeswohlabklärungen beteiligten Institutionen zu regeln, ebenso wie sie den Betroffenen als Unterschied kommuniziert werden muss. Dies setzt dialogische Prozesse der Aufgaben-, Rollen-, Erwartungs- und Auftragsklärung voraus, die – gerade im Kontakt mit den Betroffenen – beständig und konsequent realisiert werden müssen.

Clarissa Schär