Jugendstrafrecht und zivilrechtlicher Kindesschutz

Jugendstrafrecht und zivilrechtlicher Kindesschutz Die zweite Qualitätswerkstatt vom Mi. 5. September 2018 in Zürich widmete sich dem Verhältnis von Jugendstrafrecht und zivilrechtlichem Kindesschutz. Die Diskussion war so angeregt, dass sich die Moderatorinnen entspannt zurücklehnen und gespannt zuhören konnten.

«Jugendstrafrecht und zivilrechtlicher Kindesschutz: Braucht es beides für eine gute Qualität im Kindesschutz?» Unter diesem Titel wurde am 5. September 2018 in Kooperation mit dem Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich die zweite Qualitätswerkstatt in Zürich durchgeführt. Zu dieser kostenlosen Fachveranstaltung waren Fachpersonen eingeladen, die sich praxisbezogen, wissenschaftlich oder theoretisch mit Abklärungs-, Unterstützungs- und Entscheidungsaufgaben im Kindesschutz befassen.

Im Zentrum der Fachveranstaltung standen die Fragen, ob beide staatlichen Interventionsmöglichkeiten für einen qualitativ guten Kindesschutz sinnvoll, bereichernd oder eher hinderlich sind bzw. welche Vor- und Nachteile diese beiden Ansätze haben. Zudem sollten die Zusammenarbeit der beiden Behörden ausgelotet und im Hinblick auf eine hohe Qualität im Kindesschutz beurteilt werden.

Nach zwei informativen und anregenden Kurzinputs, gehalten von lic. iur. Patrick Killer, dem Leitenden Jugendanwalt der Jugendanwaltschaft Zürich-Stadt, und lic. iur. Ruedi Winet, dem Präsidenten der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde des Bezirks Pfäffikon ZH leiteten die Moderatorinnen, Clarissa Schär (Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft für Qualität im Kindesschutz) und Christina Weber Khan (unabhängige Kinderrechtsexpertin) zur Plenumsdiskussion über, in der sich die anwesenden Fachleute intensiv und leidenschaftlich über unterschiedliche Facetten von Jugendstrafrecht und zivilrechtlichem Kindesschutz austauschten.

In der gemeinsamen Diskussion wurde deutlich, dass sowohl im Jugendstrafrecht als auch im zivilrechtlichen Kindesschutz das Kind, sowohl hinsichtlich seines Wohls, seiner Bedürfnisse, seiner Wünsche als auch seiner (beruflichen) Zukunft, im Zentrum steht. Der Prämisse der Verhältnismässigkeit wird ein hoher Stellenwert beigemessen, ebenso wie Fragen danach, welche Auswirkungen (strafrechtliche) Platzierungen von Jugendlichen auf ihre Zukunft haben. Werden Platzierungsentscheidungen gefällt, stellt es jedoch sowohl für die Jugendanwaltschaft (JUGA) als auch für die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) eine grosse Herausforderung dar, eine geeignete Unterbringungsform bzw. Einrichtung zu finden und Umplatzierungen zu vermeiden. Die Zusammenarbeit der Unterbringungseinrichtungen, der KESB und der JUGA bildet hierfür die Grundlage, gleichzeitig konnte genau hier Optimierungspotential eruiert werden.

Es zeigte sich auch, dass der Profession der Sozialen Arbeit nicht nur in der KESB sondern auch in der JUGA zentrale Kompetenzen und Aufgaben zugesprochen werden. In der JUGA sind es behördeninterne Sozialarbeitende, die umfassende Abklärungen vornehmen, die die Jugendlichen und ihr Familien- resp. Bezugssystem einbeziehen und damit auf systemische Arbeitsprinzipien und -konzepte rekurrieren. Als Prämisse sollte gelten, so eine Diskutantin: «Keine Massnahmen ohne das System!» Damit verbunden sind aber auch Herausforderungen interdisziplinärer Zusammenarbeit und Verständigung, die innerhalb der jeweiligen Organisationen sowie auch Organisationen übergreifend realisiert werden müssen.

Grosse Aufmerksamkeit wurde dem Zusammenhang von Misshandlungserfahrungen in der Kindheit und dem Entstehen von Jugenddelinquenz gewidmet. Misshandlungserfahrungen in der Kindheit gelten als Risikofaktor für das Entstehen von Jugenddelinquenz. Während die JUGA erst dann auf Jugendliche aufmerksam wird, wenn sie eine Straftat begangen haben, greifen Kinder- und Jugendzentren (kjz) und die KESB oft früher in Lebensläufe von Kindern ein. Die Schwierigkeiten bei den kjz bestehen aber darin, dass sie auf die Mitwirkungsbereitschaft der Kinder und Eltern angewiesen sind und bei den KESB, dass sie nur dann Zugang zu betroffenen Kindern erhalten, wenn eine Gefährdungsmeldung gemacht wird. Ob die Erweiterung der Meldepflichten mehr Gefährdungsmeldungen nach sich zieht, wurde unter den Anwesenden kritisch beurteilt. Die Relevanz und Notwendigkeit von Prävention wurde deutlich, genauso aber auch deren Grenzen. Der Zusammenhang von Misshandlungserfahrungen und Delinquenz sensibilisierte aber dafür, dass die JUGA mit Fällen konfrontiert ist, in denen das Kindeswohl nicht gewährleistet ist. Gefährdungsmeldungen von der JUGA an die KESB wurden als Selbstverständlichkeit diskutiert, gleichwohl hatte kaum eines der anwesenden Mitglieder von KESB je eine solche Gefährdungsmeldung gesehen.

In der abschliessenden Diskussion um Sanktionen wurden die Unterschiede zwischen JUGA und KESB hervorgehoben. Wenngleich sich KESB teilweise wünschen würden, sie könnten Sanktionen verhängen, obliegt dies der JUGA. Die JUGA ist im Unterschied zur KESB eine Strafbehörde und Strafen oder deren Androhung können eine pädagogische Wirkung haben.  Der JUGA stehen aber auch unterschiedliche pädagogische Massnahmen zur Verfügung, denen sie nach Möglichkeit immer versuchen, den Vorrang vor Strafen zu geben. Insofern wäre eine Stärkung ambulanter Angebote wünschenswert.

Es zeigte sich, dass Zusammenarbeit zwischen der JUGA und der KESB aber auch mit weiteren Organisationen gibt, dass sie gewünscht ist, dass diesbezüglich aber auch noch einige Baustellen bestehen.

Clarissa Schär